Trauma, Traumabewältigung und die Verantwortung „spiritueller/religiöser Lehrer“ (Teil 2)

Wenn Du vor mir stehst und mich ansiehst, was weißt Du von den Schmerzen, die in mir sind und was weiß ich von den Deinen.
Und wenn ich mich vor Dir niederwerfen würde und weinen und erzählen, was wüsstest Du von mir mehr als von der Hölle, wenn Dir jemand erzählt, sie ist heiß und fürchterlich.
Schon darum sollten wir Menschen voreinander so ehrfürchtig, so nachdenklich (…) stehn wie vor dem Eingang zur Hölle.

– Franz Kafka (gefunden: Klappentext „Du sollst nicht merken-Variationen über das Paradies-Thema“, Alice Miller)

 

 

Was ist ein (Psycho)Trauma?

Der Begriff „Trauma“ stammt aus dem griechischen und bedeutet schlicht „Verletzung“.
Dementsprechend handelt es sich bei einem Psychotrauma um eine seelische Verletzung, die durch ein einschneidendes, schreckliches und schwer erschütterndes Erlebnis hervorgerufen wird und zu psychische Folgestörungen führen kann.

In der ICD-10 wird ein psychisches Trauma definiert als:

„[…] ein belastendes Ereignis oder eine Situation kürzerer oder längerer Dauer, mit außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophenartigem Ausmaß, die bei fast jedem eine tiefe Verzweiflung hervorrufen würde (ICD-10) (z. B. Naturkatastrophe oder menschlich verursachtes schweres Unheil – man-made disaster – Kampfeinsatz, schwerer Unfall, Beobachtung des gewaltsamen Todes Anderer oder Opfersein von Folter, Terrorismus, Vergewaltigung oder anderen Verbrechen).“

Handbuch
Quelle: Wikipedia

 
Was ist ein traumatisierendes Ereignis?

Traumatische Ereignisse übersteigen in ihrer Intensität und ihrem Ausmaß bei weitem die normale Alltagsbelastungen eines Menschen, bewirken Furcht und Entsetzen, erschüttern, kurzfristig oder andauernd, das seelischen und körperliche Gleichgewicht und lassen die Betroffenen dem Ereignis oder den Ereingissen hilflos gegenüberstehen. Die Folge ist das Erleben eines intensiven Stresses, einer intensiven Hilflosigkeit und Ohnmacht. Dem Gefühl, dem Ereignis völlig schutz- und hilflos ausgeliefert zu sein, keinen Einfluss auf das Ereignis nehmen zu können. Meist besteht auch die akute Bedrohung durch eine Gefahr, oder sogar, Lebensbedrohung.
Ereignisse, die zu einem Trauma führen, sind so tiefgreifend, dass sie das Leben und die Persönlichkeit der betroffenen Person verändern können.
Als Beispiele für solche Ereignisse seien hier Vergewaltigung, Krieg, lebensbedrohliche Krankheiten oder Unfälle, sexualisierte Gewalt (auch Missbrauch), körperliche Misshandlung/Züchtigung und der Tod eines geliebten Menschen genannt.
Aber es können z.B. auch Mobbing, Manipulation, Scheidung oder die Konfrontation mit Traumafolgen als Helfer zu einem Trauma führen.

 

Wann wird ein Ereignis traumatisch ?

Das ist nicht nur von den äußeren Einflüssen und Faktoren abhängig, sondern auch von inneren Faktoren.
Sprich, es ist sowohl vom persönlichen Erleben und den persönlichen Lebensumständen (=innere, indivduelle Faktoren) als auch von den äußeren Umständen (=Situationsmerkmalen) abhängig.

Normaler Weise können Wunden, egal wie schwer sie sind, im Laufe der Zeit durch entsprechende Beachtung und unterstützende Behandlung heilen. Auch wenn es sich um seelische Wunden handelt.
Es kann im Laufe der Zeit ein Bewältigungsprozess stattfinden, der dazu führt, dass man sich von dem Schrecken des Erlebten, dem Entsetzen erhohlen kann.
Man lernt, dass, was Geschehen ist zu akzeptieren,  ihm einen Platz im Leben einzuräumen und damit zu leben.
So können nach und nach die Belastungserscheinungen nachlassen, die Wunden vernarben und allmählich Heilung stattfinden.

Es wäre sicherlich falsch zu behaupten, dass man diese Ereingnisse vergessen wird.
Ich denke, je nachdem um was für ein Erleben es sich handelt, wird es auf die eine oder andere Seite immer im Leben präsent sein. Doch die Macht und den Einfluss, die es auf das Leben und das Sein eines Menschen genommen hat, können mit der Zeit nachlassen und schwinden.
Ein Trauma wird immer ein schmerzhafter Teil des eigenen Lebens sein, doch das Leben kann vor diesem Hintergrund weiter gehen, auch wenn es niemals wieder „wie vorher“ sein wird.-Auch wenn man es sich vielleicht wünscht.

Doch ein Bewältigungsprozess tritt weder automatisch ein, noch findet er bei allen Menschen automatisch und/oder gleich statt.
Manchen Menschen gelingt dies nie. Sie können ihr Leben (wenn überhaupt) nur bruchstückhaft wieder aufbauen und/oder drohen an dem Erlebten zu zerbrechen. Es gelingt ihnen nicht, das zerstörerische Ereignis zu bewältigen, wodurch die Wunden nicht heilen können und immer wieder aufbrechen.
Die Folge ist die Manifestation der Belastungsreaktionen als physische und psychische Symptome und Beschwerden , die das Leben dauerhaft beeinträchtigen können.
Ob ein Bewältigungs- und Überwindungsprozess stattfindet/stattfinden kann, und ob Bewältigung und Überwindung gelingen,  ist vom Zusammenwirken verschiedener Faktoren (s. Situationsmerkmale und individuelle Faktoren) abhänging. Diese können einen Heilungsprozess unterstützen oder aber blockieren und/oder verhindern.
Situationsmerkmale
Mit dem Begriff „Situationsmerkmal“ werden die objektiven Merkmale eines traumatischen Ereignisses bezeichnet.
Darunter fallen:

  • Art des traumatischen Ereignisses
  • Intensität
  • Dauer

 

Wie gesagt, können die unterschiedlichsten Ereinisse zu einer Traumatisierung führen.
Zum Beispiel macht es bezüglich der Folgen einen großen Unterschied, ob uns Gewalt durch andere Menschen zugefügt wurde, oder ob wir Gewalt in unserem Leben erfahren, die völlig unabhängig von der Beiteilung anderer Menschen in unser Leben eintritt:

Trifft uns unabhängig von menschlicher Einmischung und/oder Absicht ein traumatisches Ereignis (z.B. eine Naturkatastrophe), führt dies in der Regel zu einer Erschütterung und Verletzung unseres Vertrauens in die Welt.
Wir fühlen uns in unserer (Um)Welt nicht mehr sicher, bewegen uns in ihr nicht mehr frei und ungezwungen wie früher. Wir verlieren das Vertrauen darin, dass wir grundsätzlich in ihr sicher sind.
Werden wir Opfer der Gewalt durch andere Menschen, sehen die Folgen jedoch anders aus.
Durch dieses Erleben wird unser Vertrauen in andere Menschen nachhaltig erschüttert, verletzt und gestört. Es kommt zu einer Beeinträchtung des Erlebens von Sicherheit in der Beziehung und der Zugehörigkeit zu anderen Menschen.
Findet das Erleben in den ersten Lebensjahren statt, wird dadurch das Urvertrauen des Kindes in die Eltern und zu anderen Menschen zerstört.
Wird das Leben durch eine schwere Krankheit erschüttert, verändert sich das Verhältnis zum eigenen Körper. Man fühlt sich ihn seiner eigenen Haut, im eigenen Körper nicht mehr sicher und geborgen. Er wird einem fremd,  erscheint einem ggf. unberechenbar und wird zu einem unheimlich Gegenüber.

Es kann für die Verarbeitung und die Folgen ebenfalls von Bedeutung sein, ob das Ereignis über einen längeren oder einen kurzen Zeitraum stattfand, ob es ein einmaliges, in sich abgeschlossenes Ereignis war, oder ob es sich wiederholte.

Zu guter Letzt spielt auch der Zeitpunkt im Leben eine sehr wesentliche Rolle, an dem das Ereignis eintrat.
Erlebt man bereits in der Kindheit ein Trauma, z.B. Gewalt durch andere Menschen, dann sind die seelischen Verletzungen deutlich tiefer und umfassender, als in späteren Jahren, weil die Möglichkeiten zur Bewältigung nicht vorhanden sind.
Je jünger das Kind ist, und je weniger Unterstützung das Kind durch erwachsene Bezugspersonen hat, desto schwerwiegender sind die Folgen und die Auswirkungen in der Persönlichkeitsentwicklung und in der Lebensgeschichte.

Natürlich hat auf die Verarbeitung und Erholung auch einen entscheidenden Einfluss, ob und in welcher Art etwaige Langzeitfolgen und/oder Lebenseinwirkungen auftreten können, z.B. auf juristischer, gesundheitlicher und/oder finanzieller Ebene.
Auseinandersetzungen auf diesen Ebenen können sich zusätzlich belastend und erschwerend auf die Überwindung eines erlittenen Traumas auswirken.

 

Persönliche Merkmale
Neben den Situationsmerkmalen wirken sich auch entscheidend auf die Verarbeitung eines Traumas aus, welche stärkenden und schützenden oder aber kritische und schwächende Erfahrungen man in seinem Leben bisher gesammelt hat.

Unter die Begrifflichkeit „Persönliche Merkmale“ fällt die Persönlichkeit einer Person ebenso wie ihre Verletztlichkeit, ihre Stärken und Schwächen, aber auch ihre (aktuellen) Lebensumstände und die individuelle Lebensgeschichte.Sie alle können die Selbstheilungsprozesse eines Menschen unterstützen oder aber auch hemmen oder verhindern.

Besonders wichtig dabei ist, welche Widerstandskräfte und Schutzfaktoren im Laufe des bisherigen Lebens entwickelt werden konnten, und ob diese in der akuten, aktuellen Situation zur Verfügung stehen.
Zu diesen zählen z.B. stabile, vertrauensvolle und unterstützende Beziehungen, positive Lebenserfahrungen und bisherige Erfolgserlebnisse.
Aber auch persönliche Charaktereigenschaften, wie die aktive Suche nach Lösungensmöglichkeiten und/oder Hilfen, oder eine kämpferische Natur, die den Willen hat, gehören dazu.
Sie können ein Gegengewicht zu der Traumaerfahrung bilden und somit dabei helfen, das Erlebte zu verarbeiten.

Doch so wie es unterstützende Dinge gibt, so gibt es natürlich auch das Gegenteil. Sprich Risikofaktoren, die sich hindernd auf die Überwindung und Verarbeitung auswirken oder gar verhindern können, dass eine Traumaerfahrung (relativ) unbeschädigt ausgehalten und verarbeitet werden kann. Das ist z.B. dann der Fall, wenn das aktuell eingetretene Ereignis nicht das erste war, sondern es sich in eine Reihe von (stark) belastenden und/oder traumatisierenden Ereignissen einreiht.
Oder es kann auch der Fall sein, dass man in seinem bisherigen Leben zu wenig ausgleichende positive, aufbauende und dadurch stärkende Lebenserfahrungen gesammelt hat/sammeln konnten.

Kurz gesagt:
Vor allem in der Kindheit erworbene, positive und damit persönlichkeitsstärkende und unterstützende Erfahrungen erhöhen die Widerstandskraft der Psyche, der in uns selbst einen stabilden Boden bildet, der Erschütterungen wesentlich besser standhandhalten kann.
Sammel(te)n wir jedoch hauptsächlich schlechte Erfahrungen, sind wir z.B. wiederholt und/oder andauernd körperlichen oder seelischen Angriffen ausgesetzt, dann können wir diesen stabilen Grund in uns nicht bilden. Unser „psychisches Immunsystem“ wird geschwächt und kann Erschütterungen nicht (ausreichend) etwas entgegensetzen.

Zuletzt sei natürlich noch auf die Rolle der aktuellen Lebensumstände hingewiesen.
Auch diese spielen eine sehr wesentliche Rolle dabei, wie eine Trauma bewältigt werden kann.
Das Ausmaß an erfahrener Anteilnahme und Unterstützung, z.B. durch Familie, Freunde, Arbeitsstelle/Schule oder ähnliches, aber auch das Vorhandensein von aktuell noch zusätlich bestehenden Belastungen, bestimmen in einem erheblichen Maße, wie die oder der Betroffene sein Erleben verarbeiten kann.

Eine Antwort

  1. Alexis Sólveig Freysdóttir

    Hat dies auf Geschichten einer urbanen Priesterin rebloggt.

    19. Mai 2014 um 12:09

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s