Trauma, Traumabewältigung und die Verantwortung “spiritueller/religiöser Lehrer” (Teil 3)

Die Zeit heilt nicht alle Wunden,
sie lehrt nur,
mit dem Unbegreiflichen zu leben.

– Rainer Maria Rilke

 

Dieser Beitrag soll einen Überblick über die typischen Hauptsymptome und die möglichen psychischen Folgen geben.

Man kann sagen, dass die unmittelbaren Erstreaktionen, die nach einem traumatisierenden Ereignis eintreten, bei fast allen Menschen gleich ablaufen. Unterscheiden können sie sich jedoch im Ausmaß und der Intensität.
Sie sind eine völlig normale Reaktion (!) des Körpers und der Psyche auf ein überwältigendes und schreckliches Erlebenis.
Die längerfristige Bewältigung verläuft im Gegensatz dazu jedoch individuell völlig unterschiedlich.
Können das Trauma und die daraus resultierenden Stress- und Belastungsreaktionen nicht überwunden werden, können sich daraus weitreichende Folgestörungen entwickeln.
Ob ein Betroffener mit einer psychischen Störung reagiert und welche Krankheit sich ggf. daraus entwickelt, ist individuell ganz unterschiedlich und hängt einerseits von den persönlichen Bewältigungsmöglichkeiten, aber auch vielen anderen Faktoren ab.
Es gibt allerdings auch Ereignissen, die fast immer zur Ausbildung einer psychischen Krankheit führen. Dazu gehören Folter, von der sich fast niemand von alleine erholen kann, und Vergewaltigung, von der es etwa nur ein Viertel der Betroffenen gelingt, sich davon alleine zu erholen.

 

Typische Hauptsymptome

Die nachfolgenden Symptome können alle gemeinsam oder auch einzeln auftreten, abhängig von den Faktoren, die ich in Teil 2 angesprochen habe.

  • Wiederkehrende Ängste
    Der/Die Betroffene erlebt immer wieder Ängste die im Zusammenhang mit dem erlebten Trauma stehen.
  • Übererregung (Hyperarousal)
    Es kann zu Konzentrationsschwierigkeiten und leichter Erschreckbarkeit kommen. Außerdem kann es zu vermehrter Wut/Wutausbrücken und zu einer erhöhten Alarmbereitschaft kommen
  • Emotionale Taubheit
    Die Fähigkeit sich zu freuen, zu lieben, traurig zu sein, Wut, Trauer oder andere Gefühle zu empfinden ist eingeschränkt
  • Vermeidenwollen (Avoidance)
    Man will Gedanken und Gefühlen vermeiden, die das Erlebte wieder aufleben lassen und ein Erinnern an das Erlebte hervorrufen könnten. Der Ort der Traumatisierung wird gemieden und/oder man verlässt nicht mehr das Haus.
    Um (zu) schmerzhafte Erinnerungen zu vermeiden kann es zu Dissoziationen und/oder (Teil)Amnesie kommen.
  • Gedankliche Vorwegnahme
    Um nicht wieder überrachst zu werden, wird das Schlimmste gedanklich Vorweg genommen. Von der Umgebung kann dies als eine Art Dauer-Pessimismus wahrgenommen und erlebt werden.
  • Unverhältnismäßig heftige Reaktionen
    Die betroffenen können auf äußere und innere Einflüsse ungewohnt und unverhältnismäßig heftig reagieren.
    Es kann z. B. zu Angsterkrankungen, Selbstverletztendes Verhalten, Abhängigkeitssyndromen, aber auch zu Panikattacken, Albträumen und dissoziativen Zuständen kommen.
    Die durch Trigger ausgelösten Reaktionen können bis ins hohe Alter erhalten bleiben.
  • Intrusion
    Unter Intrusion versteht man das Wiedererinnern und -erleben eines traumatischen Ereignisses. Sie werden von Schlüsselreizen (sog. „Triggern“) ausgelöst und umfasst Flash-backs, Albträume und Bilder, wobei die Art, wie Intrusionen auftauchen können, individuell verschieden sein können. Es kann auch zum Wiedererleben von Wahrnehmungen kommen. Die Betroffenen werden häufig von diesen überfallen und es ist ihnen häufig nicht möglich, diese Erinnerungen ohne weiteres auszublenden.
  • Kontrollverhalten
    Häufig leiden Traumatisierte unter einer permanenten inneren Unruhe und Schreckhaftigkeit. Gleichzeitig tritt äußerlich jedoch häufig auch ein stark kontrollierendes Verhalten zutage. Ein Trauma ist mit dem Erlebe eines extremen Kontrollverlustes verbunden, so dass die Betroffenen versuchen, dieses Erleben mit einem stark kontrollierenden Verhalten zu kompensieren.
  • Amnesie
    Die Erinnerung an das Geschehene wird so tief vergraben und verdrängt, dass eine Erinnerung, als ganzes oder in Teilen, nicht mehr möglich ist.
  • Interessenverlust
    Infolge eines Traumas kann es zu einer Reduzierung oder gar völligen Einstellung der Aktivitäten kommen. Man zieht sich von allen Aktivitäten zurück, die einem „vorher“ etwas bedeutet und Freude bereitet haben.
    Viele Menschen berichten von einer „Gefühlskälte“ oder „Gefühlstaubheit“, die sie befällt.

 

Erstreaktionen/Akute Belastungsreaktionen

Die oben genannten Symptome sind als Erstreaktion, wie gesagt, völlig normal, auch wenn sie heftig ausfallen können, und treten bei den meisten Menschen auf, die ein traumatisiserendes Erlebnis hatten.
Beides ist sowohl für Betroffene als auch ihre Angehörigen wichtig zu wissen, da die Belastungsreaktionen ggf. völlig wesensfremd sein können und die Menschen dann darüber erschrecken.
Sie „erkennen sich selbst nicht wieder“ (oder werden von ihrer Familie nicht mehr wiedererkannt), oder können auch die Angst verspüren, „verrückt“ oder „krank“ zu werden.

Diese Symptome klingen in der Regel bei den meisten Menschen nach einer gewissen Erholungszeit, langsam wieder ab, wenn die Betroffenen entsprechend unterstützende Bedingungen vorfinden. Dem traumatischen Erlebnis kann sein Platz im Leben(slauf) zugewiesen  und so in ihn integriert werden, was häufig zu einer Veränderung des Verhaltens der Menschen führt.

Bleiben diese Belastungs-und Notfallreaktionen erhalten, bzw. werden sie nicht schwächer und dauern längern als 6 Wochen an, kann dies ein Hinweis darauf sein, dass der Erholungs- und Verarbeitungsprozess blockiert ist.
Gelingt es einem Menschen die Verarbeitung und Integration nicht, und kann die psychische Gesundheit durch die eigenen Selbstheilungskräfte nicht wieder hergestellt werden, selbst nicht nach einem längeren Zeitraum, können sich möglicherweise sehr schwerwiegende traumabedingte Folgestörungen entwickeln, die das gesamte Leben beeinflussen und beeinträchtigen.
Diese Folgestörungen können auch erst Monate oder gar Jahre nach dem erlittenen Trauma auftreten, so dass ggf. ein Zusammenhang nicht gleich ersichtlich und feststellbar ist.
Sie können unter Umständen auch mit einer veränderten Aktivität des Gehirns und/oder neuroanatomischen Veränderungen einhergehen.

 

(Komplexe) Trauma-Folgestörungen

In manchen Fällen können sich die typischen Symptome chronisch manifstieren und so zu tiefgreifenderen, z.T. sehr komplexen Folgestörungen führen.
Folgestörungen zeichnen sich (kurz gesagt) im Prinzip dadurch aus, dass das nicht verarbeitete und überwundene Trauma zu einer „Vergiftung“ und dauerhaften Prägung der gesamten Persönlichkeit, der Gedanken und Gefühle, des Alltags-und Beziehungsleben und der Gesundheit führt.

Das Risiko an einer komplexen Folgestörung zu erkranken ist vor allem dann besonders hoch, wenn (wiederholt) Gewalterfahrungen gemacht werden, vor allen Dingen in der Kindheit.
Das Erleben führt zu einschneidenden Persönlichkeitsveränderungen, die sich z.B. in Selbstablehnung, negativen Überzeugungen in Bezug auf sich selbst oder auch in Selbsthass zeigen können, oder sich auch in einem tiefen Misstrauen gegenüber anderen Menschen äußert.
Sehr häufig sind auch tief greifende Überzeugungen bezüglich der eigenen Macht-und Hoffnungslosigkeit und die Ablehnung des eigenen Körpers vorhanden.

Die Entstehungsmechanismen von Traumafolgestörungen sind heute noch weitgehend unbekannt.
Das liegt daran, dass traumatisierende Ereignisse unvorhersehbar sind und es dadurch nicht bzw. nur schwer gelingt, die neurobiologischen, kognitiven und emotionalen Zustände der Betroffenen vor und nach einem Trauma zu untersuchen. Ein weiterer beachtenswerter Punkt ist, dass einem Trauma nachfolgende Störungen ein Ergebnis von sowohl psychologischen, physiologischen als auch sozialen Prozessen sind.
Trotz der Schwierigkeiten, die es bei der Forschung nach der Entstehung von Traumafolgestörungen gibt, gibt es doch eine Reihe von psychischen Auffälligkeiten und neuronalen Veränderungen, die in mehreren Studien bei Betroffenen festgestellt werden konnten, auf deren Grundlage Modelle entwickelt wurden, die versuchen die Ausbildung von Traumafolgestörungen zu erklären. Das Gedächtnismodell und das Hormonelle Stress-System.

  • Gedächtnismodell
    Infolge des Traumas kommt es durch eine massive Ausschüttung von Neurohormonen zu einer Fehlfunktion in der Schaltstelle des Limbischen Systems, dem Hippocampus, bzw. der Hippocampusformation, dessen Funktion u.a. wesentlich mit dem Gedächtnis, der Erinnerung und den Emotionen zusammenhängt.
    Die Fehlfunktion führt dazu, dass es zu einer massiven Störung der zeitlichen und räumlichen Erfassung und Einordnung von Sinnenseindrücken kommt, d.h. die eintreffenden Sinneseindrücke werden nicht mehr in Kategorien erfasst, sondernals zusammenhanglose Informationen wahrgenommen. Das führt dazu, dass die traumatischen Sinneseindrücke fragmentiert in dem Teil des Gedächtnisses abgespeichert werden, der sich auf das Erleben und Verhalten eines Menschen auswirkt, ohne dass sie dabei jedoch ins Bewusstsein treten.
    Solcherlei fragmentierte Gedächtnisinhalte werden abgerufen, wenn ein Mensch ein Flash-back erlebt.
    Kurz gesagt heisst das, dass die Erinnerung(en) an das Trauma selbst, aber auch alle anderen damit verbundenen Sinneseindrücke im bewussten (=expliziten) Gedächtnis (wenn überhaupt) nur bruchstückhaft gespeichert werden, aber sie dafür im Unterbewusstsein (=implizites Gedächtnis) umso lebendiger sind, und von dort aus ihre Wirkung auf das Leben und die Persönlichkeit der Betroffenen ausüben.
  • Hormonelles Stress-System
    In Studien wurde herausgefunden, dass traumatisierten Patienten im Vergleich zu Gesunden eine erhöhte Aktivität des noradrenergenen (d.h. auf das Stresshormon Noradrenalin reagierenden) Stress-Systems zeigen.
    Das führt dazu, dass die Betroffenen u.a. unter Konzentrationsschwäche, Schlaflosigkeit, Schreckhaftigkeit oder Übererregung leiden.
    Außerdem deuten einige Studien darauf hin, dass auch die Ausschüttung anderer Hormone verändert sein können.

Innerhalb der Traumafolgestörungen wird zwischen primären und sekundären Störungen unterschieden.
Zu den häufigen primären Störungen nach einer Traumatisierung gehören die:

  • Postttraumatische Belastungsstörung (PTBS)
    Auftretende Belastungs-und Stresssymptome halten über einen längeren Zeitraum an. Es zeichnet sich ein chronischer Verlauf ab. Halten die Symptome einen weiteren Zeitraum von 8 Monaten an, kann davon ausgegangen werden, dass sich die PTBS nicht mehr spontan zurückbildet.
  • Komplexe Postraumatische Belastungsstörung (K-PTBS)
    Ein Begriff, der in Deutschland und Europa nur langsam Fuß fasst, und mehr im angloamerikanischen Raum verbreitet ist. Er bezeichnet kurz gesagt eine Mehrfachtraumatisierung, für deren komplexe Symptomatik die Diagnose PTBS nicht (mehr) ausreichenden ist, und auch einer andere therepeutische Herangehensweise bedarf.
  • Andauernde Persönlichkeitsänderung nach Extrembelastung
    Ist mit der K-PTBS fast identisch und im deutschen Sprachraum gebräuchlich.
  • Anpassungstörung
    Bezeichnen psychische Belastungsreaktionen, die durch Ereignisse ausgelöst wurden, die nicht der medizinischen Definition von Trauma entsprechen.

Auf die PTBS, K-PTBS und die andauernde Persönlichkeitsstörung nach Extrembelastung möchte ich im nächste Teil genauer eingehen.
Die Entwicklung fast aller anderen psychischen Erkrankungen wird durch das Erleben einer Traumatisierung erhöht. Man sprich bei diesen auch von sekundären psychischen Erkrankungen.
Hierzu gehören z.B.:

 

Bei psychischen Erkrankungen wie Ess- oder Zwangsstörungen und spezifischen Phobien wird eine Traumatisierung als indirekter Risikofaktor zu einer Ausbildung derselbigen angesehen, weswegen sie oft nicht als sekundäre Störungen betrachtet werden.
Eine weitere Erkrankung, bei der traumatische Ereignisse als maßgeblicher Faktor angesehen werden, ist die Emotional instabile Persönlichkeitsstörung (Borderline).

 

Auswirkungen auf Leben und Persönlichkeit

Das Erleben eines Traumas prägt sowohl das Leben als auch die Persönlichkeit eines Menschen ggf. in einem sehr starkem Maß.
Es findet ein stetes Pendeln statt zwischen dem Vermeiden von Erinnerungen an die seelische Verletzung und den daraus resultierenden Folgen auf der einen Seite,  und  Flashbacks auf der anderen Seite. Diese Flashbacks können oft auftreten, ohne dass dem oder der Betroffenen ein (offensichtlicher) Zusammenhang mit dem erfolgten Trauma ersichtlich ist.
Obwohl ein erlebtes Trauma bei der betroffenen Person einen prägenden Eindruck hinterlassen hat, kann es auch passieren, dass dieses Erlebnis zeitweilig oder dauerhaft verdrängt oder gar gänzlich vergessen wird, so dass es nicht möglich ist die eigene seelische Verletzung und Kränkung wahrzunehmen.

 

Auf die Folgen einer Traumatisierung von Kindern bzw. in der Kindheit möchte ich an dieser Stelle besonders hinweisen, denn hier entstehende Störungen haben einen deutlich schwerer wiegenderen und tiefer gehenden Einfluss, sowohl auf die Persönlichkeit(sentwicklung) als auch das gesamte weitere Leben, als im Erwachsenen-Alter.
Das ist einerseits der Tatsache geschuldet, dass sich im Erwachsenen-Alter die Persönlichkeit eines Menschen bereits gefestigt hat, und andererseit, dass ein Erwachsener über andere Bewältigungsmechanismen verfügt, als ein Kind, dass diese erst entwickeln lernt.
Kinder, so die Erfahrungen in der Traumapsychologie, sprechen noch weniger über das Erlebte, als Erwachsene, was auch daraus resultiert, dass Kinder noch viel größere Schwierigkeiten haben/haben können, dass, was geschieht mit ihrem Verstand zu erfassen und ihre  Gefühle nicht so gut (v.a. in Worten) ausdrücken können.
Die sich daraus ergebenden seelischen und gesundheitlichen Folgen werden auch heute noch vielfach unterschätzt, obwohl das Risiko, eine PTBS oder einer anderen, schwer wiegenden Folgestörung zu entwickeln, bei ihnen besonders hoch ist.
Vor allen Dingen dann, wenn das Trauma mit zwischenmenschlicher Gewalt (physischer oder emotionaler) verbunden ist, und über einen längeren Zeitraum stattfindet.

Natürlich können auch Erwachsene prinzipiell alle Folgen davon tragen wie Kinder und Jugendliche, dennoch bedarf es dazu eine  stärkeren Traumatisierung, als bei ihnen.
Gewalttätige Traumata in Kindheit und Jugend, unabhängig davon ob diese einmalig waren oder einen längeren Zeitraum andauerten, haben eine tiefgreifende Störung der Persönlichkeit zur Folge, die im allgemeinen weit über die einer allgemeinen posttraumatischen Belastungsstörung hinausgehen.
Wächst ein Kind dauerhaft in einem, von (physischer und/oder psychischer) Gewalt geprägten sozialen oder familären Umfeld auf, wirkt sich die Traumatisierung außerdem in Form einer erzieherischen Prägung aus.
D.h. dass sich spezifische Handlungs-, Kommunikations-, Denk-, Fühl- und Wertestrukturen entwickeln, die die Persönlichkeit, das Agieren in und mit der Umwelt und mit anderen Menschen, und auch ihre Wahrnehmung stark und weitreichend prägen.
Kommt es bei Kinder zu einer Traumatisierung durch Bezugspersonen, , so entwickeln sie oft unsichere und desorganisierte Bindungen. Wobei diese Folgen auch bei Kindern und Jugendlichen beobachtet werden, bei denen die Bindungsperson ein Trauma erlitten und nicht verarbeitet hat.
Außerdem kommt es bei Kindern von traumatisierten Müttern häufig zu einer generationenübergreifenden Weitergabe von Traumaerfahrungen.

 

 

Eine Antwort

  1. Alexis Sólveig Freysdóttir

    Hat dies auf Geschichten einer urbanen Priesterin rebloggt und kommentierte:
    Teil drei der sehr interessanten Reihe von Siat.

    21. Mai 2014 um 06:44

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